Francoise Hardy

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Francoise Hardy, „Blues 1962/1993“, meine platte des jahres 1998

51dQ1VBldpLAch, die Sehnsucht
Zugegeben. Retrospektiv betrachtet kommt es mir oft so vor, als ob das vergangene Jahr an Schicksalsschlägen, unangenehmen Nachrichten, Umzügen, Autounfällen, persönlichen Verlusten, Geldsorgen und so weiter eigentlich nicht mehr zu überbieten wäre. ganz ehrlich, 1998 war bestimmt das allerschlimmste Jahr, denn nebst allen bereits aufgezählten Widrigkeiten, die mir widerfuhren, ging ich auch noch der Romantik verlustig. Diese Erkenntnis, so könnte man meinen, hätte mich getroffen wie ein Blitz. Aber weit gefehlt, die Romantik und damit zwangsläufig die Sehnsucht zu verlieren, ist etwas, das nur sehr schleichend, kaum spürbar geschieht und landläufig auch oft mit „erwachsen werden“ verwechselt wird.

Überhaupt, mit Sehnsucht und Romantik ist es eine ganz spannende Geschichte. Sehnsüchte werden geweckt und durch romantisches Erleben erfüllt. Doch was passiert, wenn es einfach keine Gelegenheiten mehr gibt, die Sehnsüchte wecken könnten, vom Shopping jetzt mal abgesehen? Was ist, wenn man vor lauter Umzügen, Geld verdienen und ausgeben nicht mehr zu sich selbst kommt? Ist man dann erwachsen? Nein, man ist einfach nur unbewußt und vielleicht ein bißchen abgestumpft. Aber was tut man nun in dieser Situation, um die eigene Romantik wieder zu entdecken? Man läßt seine Sehnsucht wecken. Die Französin Françoise Hardy tat dies für mich. Es war auf einer Party, auf die ich eigentlich gar nicht gehen wollte. Leicht gelangweilt, aber fest entschlossen, mich zu amüsieren, drückte ich mich in einem Sessel herum, als ich ihre Stimme hörte. Leicht wie eine Feder und doch voll Melancholie sang sie über unerfüllte Liebe und daß alle anderen in pärchen vor ihrem Fenster flannieren. Selbst wenn man nicht französisch spricht, sind es unwahrscheinlich kurzweilige und, was noch viel wichtiger ist, sehnsuchtsvolle 60iger Jahre Chansons. Vom Donner gerührt stand für mich fest, darüber muß ich mehr erfahren.

1962 begann sie ihre unglaubliche Karriere. Ihre klare Stimme, ihre Schönheit und ihr sehr persönlich verbindliches Auftreten machten sie zum Mythos. Zu ihren Bewunderern zählten der skandalumwitterte Sänger und Komponist Serge Gainsbourgh ebenso wie Salvatore Dali und Mick Jagger. Seit letztem Jahr weiß auch ich, wieso. Allerdings ist die Compilation, die mich zu einem absoluten Fan machte, bereits 1993 erschienen und heißt schlicht „Blues 1962/1993“, was für eine Chansonsammlung zunächst etwas ungewöhnlich wirkt. Nachdem ich mich allerdings den überwiegend melancholischen Gefühlen gestellt hatte, die diese CD in mir auslöste, verstand ich diesen Titel nur zu gut. Wenn ich es mir recht überlege, war 1998 gar nicht so schlimm. Ich habe wunderschöne Lieder lieben gelernt und ewas verloren geglaubtes wiedergefunden. Ich glaube, ich werde ein bißchen spazieren gehen…

erschienen in: kreiszeitung, 11.01.1999

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