Marylin Manson

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Alptraum der Biedermänner

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Diabolisch dekadent, ohrenbetäubend obzön oder einfach skandalös – Marylin Manson. Ein Name der Assoziationen zu Marilyn Monroe und Charles Manson weckt, Nationen spaltet und Konzertsäle füllt. Der personifizierte Beelzebub, Alptraum amerikanischer Biedermänner, war am 13. Dezember zu Gast in Hamburgs Großer Freiheit. In erster Linie war der selbsternannte „Lord of Fuck“ natürlich gekommen, um seinen Fans mal so richtig zu zeigen wo man sich ein handelsübliches Mikro samt Ständer im Laufe einer Bühnenshow überall so hin stecken kann. Aber mittlerweile schon ganz geübter Geschäftsmann nutzte er die ohnehin ausverkaufte Freiheit sogleich auch zum Vorstellen seines dritten Albums „Mechanical animals“.

Nichtsdestoweniger scheint diese Tour aber unter einem schlechten Stern zu stehen. Etliche Konzerttermine, unteranderem auch in München mußten komplett abgesagt werden. Manson, der ohnehin leicht kränkele, habe Durchfall. So jedenfalls verlautbarte die offizielle Begründung. Was diese Krankheit aber verursacht hat, ob Virus, Magenverstimmung oder zu viel/wenig Drogen wird nicht verraten und gibt daher günstige Gelegenheit für Spekulationen. In Hamburg fällt zu allem Überfluß auch noch die Vorband aus (Durchfall??). Doch gibt es für eine live Sex-Post-Punk-Performance wohl kaum ein besseres Ambiente als den Hamburger Kiez und somit werden die teilweise selbst aus dem Ausland angereisten Fans auch nicht enttäuscht.

In silbernen Go-Go-Stiefeln, Mieder und Samthose betritt M.M. etwa gegen 21:30 die Bühne. Oh, was für eines skurilen Szenarios werden wir ansichtig, gnadenlose Bäße beschleunigen Herzschlag und Adrenalinausstoß, Stroboskop versengt beinahe Netzhaut und Verstand. Ekstase. Atemlos werden wir Teil dieser Sexperformance, erhaschen einen kurzen Blick aufs Schamhaar. Jetzt, der Atem stockt… Nein, verdammt! Den Schwanz des Meisters bekommen wir an diesem abend also nicht zu sehen wohl aber seinen blanken Hintern. Wo das Mikro sich in diesem Moment befindet bedarf wohl keiner näheren Erklärung… Gott oder besser Satan sei Dank, daß der Durchfall vorbei ist!!!

Der ungewohnten Erkenntnis, daß man sich selber (so wie alle anderen auch) gerade mittels Mikro mitten in einem intimen Intermezzo mit Marilyn Manson befindet, folgt alsbald ein unbestimmtes Gefühl all dies schon mal gesehen zu haben. Die roten Haare erinnern massiv an David Bowie zur Ziggi Stardust-Zeit und mit der schmächtigen Statur und dem freien vernarbten Oberkörper wirkt er wie Iggi Pops kleiner Bruder. Diese Ähnlichkeiten sind zu offensichtlich um zufällig zu sein. Somit wunderte ich mich auch nicht weiter als ich relevante Bruchstücke aus Iggis „Passenger“ wieder erkannte. Selbst den Schwanz auszupacken ist nicht neu. So wurde Zappas Juwel bereits vor Jahren auf der Reeperbahn während eines Gigs gesichtet. Was ist denn dann nun so neu, skandalös und schockierend an dem was Manson tut? Eigentlich nichts, bis auf das unangenehme Gefühl, daß es hinterläßt unerwartet irgendwo obzön berührt zu werden.

Große Freiheit 36, Hamburg,13.12.1998

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