Missy Elliott

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Review: „Your Love Is My Love“ – Tour

Sicherlich, jedes Menschen Wirklichkeitswahrnehmung mag eine andere sein. Mit „Da real World“, wie der Titel ihrer neuen Platte nahelegte, hatte aber Missy Elliotts Auftritt im Hamburger Docks wenig zu tun. Schon vor Beginn der Show konnte der Anblick von unzähligen Vip-Pässen, die demonstrativ durch die Luft gewunken wurden, um Durchlass durch die Menge und Eingang in die Halle zu erzwingen, zu leichtem Realitätsverlust führen. Der Unmut der größtenteils geladenen Gäste wuchs angesichts der Tatsache, dass sich die Türen erst zwei Stunden später als angekündigt öffneten. Endlich in die Halle gelangt, dauerte es dann noch eine weitere Stunde, bis endlich die Support-Acts von Caramelle, Nicole Ray und Gina Thompson begannen. Die Mädels hatten es auch wirklich schwer. Bei Vollplayback mühten sie sich redlich, gegen die schlechte Laune des Publikums anzuhampeln. Man hätte es eigentlich vorher wissen müssen, dass bei dieser Promo-Veranstaltung der Plattenfirma nicht die musikalische Qualität im Vordergrund stand. Schließlich war ja sogar das Fernsehen erschienen, um den einzigen Deutschland-Gig der Queen-Bitch mitzuschneiden.

Dabei war die Nachricht, dass Missy „Misdemeanour“ Elliott endlich live zu sehen sein würde, wie eine Bombe eingeschlagen. Schon seit geraumer Zeit versuchte Sylvia Rhone, die Chefin von Missys Plattenlabel Elektra Records, die 27-Jährige zu einer längeren Tour zu überreden. Doch die Hip-Hoperin wollte bislang davon nichts wissen. Im Studio ist ihre Welt und Wurzel. Nicht verwunderlich bei der Anzahl der Eisen, die sich momentan bei ihr im Feuer befinden und geschmiedet werden wollen. Zur Zeit konzentriert sich die schwarze Einzelkämpferin zwar hauptsächlich auf das Soloprojekt „Missy Elliott“, doch die fruchtbare Zusammenarbeit mit Langzeit-Duo-Partner Timbaland soll auch nicht ganz im Terminstress vor sich hindümpeln. Verpflichtungen über Verpflichtungen. Da verwundert es beinahe, dass das Energiebündel mit zwei ihrer besten Freundinnen, Lil‘ Kim und Mary J. Blige, eine Tour durch kleine Clubs planen will.

Ein Hoffnungsschimmer angesichts des Hamburger Fiaskos. Mit Missys Auftritt bessert sich immerhin die Laune der Gäste gewaltig. Nach nur sechs oder sieben Liedern (im Klangbrei waren sie nicht genau zu unterscheiden), macht sich die mollige Musikerin zum medienwirksamen Bad in der Menge auf. Das Publikum teilt sich gehörig vor seiner Königin und darf sie sogar anfassen. Die energetische Vorzeigedame des Rap weiß nämlich sehr genau, dass sie ihren Fans wenn schon keine musikalischen Leckerbissen, wenigstens skurrile Abendunterhaltung bieten sollte. Sie verwandelt die Bühne in einen Rummelplatz.

Etwa 15 Menschen tanzen, rappen und zappeln in Fetischkleidung hinter ihr herum und weil damit noch nicht genug Trubel auf der Bühne los ist, veranstaltet sie mit ein Paar Gästen einen „Singe und Tanze wie Dein Lieblingstar“- Kontest. Als sie dann auch noch Freiwillige sucht, die ihre Tänzerinnen herausfordern, können selbst Missys gebotene 100-Dollarnoten das Publikum nicht überzeugen, sich völlig zu blamieren. Denn diese beiden Tanzakrobatinnen waren nicht zu schlagen. Doch Miss Elliott hat Spaß und da sie ihr mitgebrachtes Geld unbedingt los werden wollte, steckte sie den beiden schwitzenden Mädchen die Scheine zu.

Mittlerweile kann sie sich wirlich leisten, großzügig zu sein. Für die geplante Bitch-Tour wäre etwas Geld in einen erfahrener Soundmischer zu investieren eine prima Sache. Dann würde das Publikum nicht nur die Entertainerin, sondern auch die Musikerin bewundern können. Darauf darf man sich freuen.

erschienen in: Access All Areas 12/99, Seite 52

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