Prager Phantasmen

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Geschäftstüchtige Punks im Postkommunismus

Jáchym Topol liest heute im Literaturhaus aus seinem Roman „Die Schwester“

Wenn man mit schamloser Wortgewalt Weisheiten, Lebensansichten und tragische Liebesgeschichten so eindringlich um die Ohren gehauen bekommt, dass es einem schwindelig wird, kann man schon mal den Überblick verlieren. Der tollkühne Roman >Die Schwester< von Jáchym Topol schockiert, versöhnt, reißt mit, stimmt ratlos, nervt und konsterniert. Hier wird keine Rücksicht auf zart besaitete LeserInnenseelen genommen. Surrealistische Szenerien eines postkommunistischen Prags bescheren den etwas anderen Blick auf die samtene Revolution.

Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe Jugendlicher zwischen Lumpenproletariat und zwielichtiger Schickeria. Nach der „EXPLOSION der Zeit“ im Spätsommer 1989 sind die alten gesellschaftlich-moralischen Normen außer Kraft gesetzt. Die jungen Leute führen ein Leben in einem ideologisch kontaminierten heruntergekommenen Viertel. Ihr Zusammenleben ist weitgehend tribalisiert. Die ORGANISATION, wie sie ihren Zusammenschluss aus dissidenten Obdachlosen, Apokalyptikern und exzentrischen Existenzen bezeichnen, gleicht einer sektenähnlichen Verbindung.

Ihre Einkünfte beziehen sie hauptsächlich aus semilegalen Geschäften in der juristisch noch brach liegenden Grauzone des ehemaligen tschechischen Polizeistaats und der Erpressung politischer Wendehälse des Kalten Krieges. Die Mitglieder der Gang, allen voran der Held Potok, mutieren zu Zwitterwesen, halb Geschäftsmann, halb Punk. Die Bilder, die Topol heraufbeschwört, zeigen ein böse verwunschenes Prag, worin sich seine Protagonisten wie durch eine Art Unterwelt geisternde Kobolde ausnehmen.

Seine Spannung bezieht der 1994 entstandene Roman aus der obsessiven Suche des Ich-Erzählers nach der ihm vor langer Zeit von seiner Jugendliebe „kleine weiße Hündin“ prophezeiten „Schwester“. Als nach einem Angriff der Neonazis, die bei Topol schlicht „Hitleri“ heißen, die ORGANISATION auseinander bricht, beginnt Potoks Odyssee. Spelunke und Café durchmisst er auf seiner Reise ebenso wie Puff und Kloster. Es ist die alte Geschichte des Liebesleids, die hier geschildert wird: Suchen, Finden, Verlieren. Allerdings vermag der 36-Jährige diese in einer Flut von Handlungsströmungen dergestalt zu verbergen, dass es einem gar nicht sonderlich auffällt. Der reißende Erzählstrom gewinnt zwar hin und wieder eine derartige Breite, dass man seine Ufer aus den Augen verliert, wobei die bildhafte Sprache jedoch immer schön distanzlos bleibt.

Dass diese auch in der deutschen Übertragung noch funktioniert, ist den beiden Übersetzerinnen Eva Profousová und Beate Smandek zu verdanken, die es mit allerlei Tricks geschafft haben, die blumige Vielfalt des Tschechen zu bewahren. Für diesen literarischen wie sprachlichen Balanceakt verwenden sie teilweise so anschauliche Infantil-Bildungen wie „Das gildet ja nicht“ und Starkdeutsch-Formulierungen („Kummet Szie duoch mal beu uonsz furrbeu…“).

Entgegen allen Enttäuschungen, die Potok in diesem rauschhaften Roman erleiden muss, setzt er uneingeschüchtert seine Suche nach „der Schwester“ fort. Es ist diese Hartnäckigkeit, die das Phantasma der Seelenverwandten für die LeserInnen greifbar werden und Hoffnung auf eine bessere Zukunft schöpfen lässt. Der Dichter würde vielleicht sagen: „Alles wird gutski.“

Jáchym Topol: „Die Schwester“. Roman. Berlin 1998, Volk & Welt, 656 Seiten, 48 Mark

erschienen in: taz Hamburg Nr. 6012 vom 9.12.1999 Seite 23 Kultur 110 Zeilen

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