Scooter

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Singende Rumpelstilzchen

4485f8bd6ede4cd08824c2b40f79d274Scooter, vollmundig angekündigt als „Kultkonzert“ in der „Großen Freiheit“, waren angetreten, um ihre Live-Schlappe vom letzten Hamburger Gig vergessen zu machen. Der Saal solle kochen, sonst käme niemand hinaus, verlangte Frontmann H.P. Baxxter. Und damit das Publikum (hauptsächlich Minderjährige mit ihren Eltern) diesem Befehl leichter nachkommen konnte, hatte die Band sich einige tolle Sachen ausgedacht.

Da hätten wir zum einen Pyrotechnik: Zwei Flammenwerfer, an den äußersten Bühnenrand montiert, wurden insgesamt sagenhafte zwei Mal gezündet. Zum anderen zwei Tänzerinnen, die vor allem durch ihre dunkle Hautfarbe bestachen -anscheinend ausgewählt, um entweder ethnisch interessant zu sein oder damit die knappen silbernen Bikinis besser zur Geltung kamen- schwangen Beine und Hüften. Zwei Tänzer, eher sportlich gekleidet, brachten den guten alten Breakdance zum Vortrag. und als besonderes Highlight wurden allseits die flotten Kostümwechsel der Beteiligten und deren reizvoller Kontrast zueinander empfunden. Sah man den Scooter-Frontmann ausschließlich eher aufwendig gekleidet mit schwarzem langem Ledermantel und später dann mit fellbesetzer Skijacke den Gig bestreiten, hoben sich die wechselnden Bikinis der Mädchen nur um so deutlicher ab und vermittelten somit das surreale Ambiente sich vermischender Jahreszeiten.

Das Publikum gehorchte dem Befehl, sich zu amüsieren. Willig bot es Stimmung auf Kommando und niemand schien es zu stören, daß so manche Melodie, die sich zwischen die Beats schlich, bekannt vorkam (wie „Eyes without a face“, „Was wollen wir trinken“). Auf der aktuellen Cd „No Time to Chill“ findet sich unter anderem ein Song, dessen Titel schon beinahe Selbstironie vermuten läßt: „Everything is borrowed“, alles ist geliehen. Dieses Motto ist Programm. Einmal mehr wird deutlich, wie tragisch die umsichgreifende Recyclingsucht im Unterhaltungsgenre werden kann. Doch was nützt es. Scooter verkaufen ihre Alben wie geschnitten Brot. 5 Platin und18 Gold-Auszeichnungen haben sie bereits eingeheimst. Aus Schrott Gold machen ist die Devise. Beinahe wie im Märchen? Nein, eigentlich ganz genau wie im Märchen. Scooter beherrschen genau wie Rumpelstilzchen die Kunst, aus Stroh Gold zu spinnen. Gerüchten zu Folge soll demnächst auch eine neue Single erscheinen. Auch der Titel verlautbarte bereits: „Ach, wie gut daß niemand weiß…“

Große Freiheit 36, Hamburg, 11.01.1999

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